KlassenFragen - Zeitschrift für kommunistische Debatte und Politik

KlassenFragen Ausgabe 1 / März 2026

Klassenkampf gegen die Kriegsordnung - unsere Aufgaben in der Friedensbewegung

von Heide Humburg

Wir befinden uns in einer brandgefährlichen Situation. Die Gefahr eines dritten Weltkrieges ist real, und Deutschland könnte eines der Schlachtfelder dieses Krieges werden. Welche Aufgaben erwachsen daraus für Kommunistinnen und Kommunisten in Deutschland – in einer Zeit hoher Kriegsgefahr, die zugleich keine revolutionäre Situation ist?

Der imperialistische Charakter des Krieges

Der Ausgangspunkt jeder marxistischen Analyse der gegenwärtigen Weltlage ist das Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung. Kapitalismus entwickelt sich nicht gleichförmig und parallel, sondern schafft beständig neue Hierarchien, Verschiebungen und Brüche zwischen den Nationen und imperialistischen Mächten. Was wir heute erleben, ist der Prozess der Ablösung des bisherigen Hegemonen: Die Vereinigten Staaten von Amerika sehen sich einem Aufstieg Chinas gegenüber, der langfristig auf die Umgestaltung der globalen Kräfteverhältnisse hinausläuft. In der Übergangsphase entsteht, was manche als „multipolare Welt” beschreiben – eine Konstellation konkurrierender Großmächte, die besonders instabil und kriegsträchtig ist.

Die Hauptquelle der Kriegsgefahr geht dabei nicht von dem aufsteigenden, sondern vom niedergehenden Hegemonen aus. Die USA sind nicht bereit, ihre Vormachtstellung kampflos aufzugeben. Mit militärischen und ökonomischen Gewaltmitteln versuchen sie, den eigenen Abstieg aufzuhalten oder zumindest zu verlangsamen. Diese Dynamik treibt die Welt an den Rand eines großen Krieges. Hinzu kommt, dass die allgemeine Krise des Kapitalismus sich zuspitzt: sinkende Profitraten, Überproduktion, soziale Polarisierung und ökologische Zerstörung verschärfen die Konkurrenz zwischen den imperialistischen Mächten.

Die Rolle des deutschen Imperialismus

Deutschland nimmt in dieser Konstellation eine widersprüchliche Position ein. Der deutsche Imperialismus befindet sich im Niedergang und ist gleichzeitig eingeklemmt zwischen den großen Blöcken. Noch in den 2010er Jahren war Deutschland, gestützt auf die Europäische Union und seine Exportwirtschaft, wirtschaftlich fast auf Augenhöhe mit den USA und China. Davon ist heute nicht mehr viel übrig. Die deutsche Industrie ist in nahezu allen strategisch relevanten Zukunftstechnologien von chinesischen oder US-amerikanischen Importen abhängig. Viele ihrer Kernprodukte sind nicht zukunftsfähig.

Die herrschende Klasse in Deutschland reagiert auf diesen Niedergang mit relativer Geschlossenheit. Es besteht weitgehende Einigkeit darüber, dass Deutschland „kriegstüchtig” gemacht werden muss – sowohl im militärischen Sinne durch den Aufbau einer eigenständigen Kriegswirtschaft und die Diskussion über die Wiedereinführung der Wehrpflicht, als auch im ökonomischen Sinne durch eine massive Intensivierung der Ausbeutung der Arbeitskraft. Das Ziel ist die Wiedererlangung der ökonomischen Stärke Deutschlands und eine sogenannte „strategische Autonomie” – der Versuch, auch in der veränderten Weltlage in der ersten Liga der Großmächte mitzuspielen. Für die Arbeiterklasse bedeutet dies: steigende Rüstungsausgaben auf Kosten von Sozialleistungen, verschlechterte Arbeitsbedingungen, und letztlich die Bereitschaft der Herrschenden, dieses Land zum Schlachtfeld eines Krieges zu machen, in dem die Arbeiterinnen und Arbeiter nichts zu gewinnen und alles zu verlieren haben.

Der Hauptfeind der Arbeiterklasse in Deutschland ist daher der deutsche Imperialismus. Diese Klarheit ist notwendig.

Der Bewusstseinsstand der Arbeiterklasse

Eine ehrliche Analyse der Ausgangslage für den Friedenskampf muss sich dem Zustand des Bewusstseins und der Organisation der Arbeiterklasse in Deutschland zuwenden – und dieser Zustand ist widersprüchlich. Einerseits wächst das Misstrauen gegen die Herrschenden und ihre Erklärungen erheblich. Der Widerspruch zwischen den eigenen Erfahrungen und Interessen und den Erklärungsmustern der politischen und medialen Eliten, treibt immer mehr Menschen in eine diffuse Opposition. Sie wollen keinen Krieg, sie sehen die sozialen Kosten der „Zeitenwende”, und sie spüren, dass die Lasten ungleich verteilt werden.

Andererseits versteht sich die Arbeiterklasse kaum noch als Klasse. Die Traditionen, Organisationen und das kollektive Gedächtnis der Arbeiterbewegung sind weitgehend zerbrochen. Das fehlende Vertrauen in die potentielle eigene Kraft macht sie anfällig für falsche Hoffnungen und nationalistische Scheinlösungen. Die Mehrheit der Menschen in Deutschland, auch der Arbeiterklasse, steht hinter der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Kritik gibt es eher an Unfähigkeit oder Ineffizienz der Regierung als „am System“. Das Misstrauen gegen die Herrschenden speist sich nicht aus einem Klassenbewusstsein heraus, sondern drückt sich in politisch fragmentierten und zum Teil reaktionären Formen aus: in nennenswerten Stimmenanteilen für rechte Parteien, im massenhaften Nichtwählen, in einer diffusen Wut. Die Friedensbewegung schafft es kaum, an den Klasseninteressen der Arbeiterklasse anzuknüpfen. Sie wird als weltfremd und idealistisch wahrgenommen. Verstärkt wird dies dadurch, dass die traditionellen Friedenskräfte immer wieder Leute ausgrenzen, die bestimmte Selbstverständlichkeiten des linken Milieus nicht teilen.

Diese Ausgrenzung ist nicht nur ein taktischer Fehler. Sie ist ein strategisches Versagen, das die Friedensbewegung auf ein enges soziales Milieu beschränkt und sie der großen Massen beraubt, die sie für einen ernsthaften Kampf gegen den Kriegskurs bräuchte.

Einheitsfront statt Abgrenzung

Was folgt aus dieser Analyse? Die zentrale Schlussfolgerung ist: Der Kampf gegen den Krieg ist ein zentrales Kampffeld der Klassenauseinandersetzungen in Deutschland. Alle anderen wichtigen Fragen – der Abbau sozialer Rechte, die Einschränkung demokratischer Freiheiten, die Intensivierung der Ausbeutung – sind eng mit der Kriegsvorbereitung verknüpft und können nicht isoliert davon begriffen werden. Auf diesem Kampffeld müssen Kommunistinnen und Kommunisten alles dafür tun, dass die Arbeiterklasse gemeinsam kämpft – über alle sonstigen ideologischen Trennlinien hinweg.

Das bedeutet konkret: Einheitsfront. Keine Zugangsvoraussetzungen oder Eintrittsbekenntnisse, die Teile der Arbeiterklasse vom Friedenskampf ausgrenzen. Offenheit für alle ehrlichen Friedenskräfte, unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit, ihrer weltanschaulichen Herkunft oder ihrer politischen Geschichte. Revolutionäres Bewusstsein und Klassenkampfperspektiven entwickeln sich nicht im sterilen Diskurs unter Gleichgesinnten, sondern im gemeinsamen praktischen Kampf. Nur im Ringen Seite an Seite mit breiten Teilen der Arbeiterklasse können Kommunistinnen und Kommunisten die Avantgarde dieser Klasse für den Sozialismus gewinnen.

Die dramatische Kriegsgefahr zwingt zur Breite – auch angesichts der gegenwärtigen Schwäche der kommunistischen Kräfte. Es wäre falsch und sektiererisch, aus Angst vor dem Verlust „ideologischer Kontrolle” über eine entstehende Bewegung auf diese Breite zu verzichten. Entscheidend ist nicht, ob wir eine Bewegung von Beginn an dominieren, sondern ob wir mit klaren Analysen, überzeugenden Positionen und der Gewinnung der kämpfenden Avantgarde Einfluss auf ihre Entwicklung nehmen und sie perspektivisch in eine revolutionäre Richtung weiterentwickeln.

Die besondere Aufgabe der Kommunisten

In der so verstandenen breiten Friedensbewegung haben wir Kommunistinnen und Kommunisten eine unersetzliche Aufgabe. Nur wir können durch unser theoretisches Verständnis und unsere Analysearbeit maßgeblich zu ihrer Formierung und Entwicklung beizutragen.

Das beinhaltet erstens die konsequente Betonung des imperialistischen und des Klassencharakters des Krieges. Es muss immer wieder klar gemacht werden: Die Arbeiterklasse hat in diesem Krieg nichts zu gewinnen – auch keine Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie, die die Kriegsspirale weiter anheizen.

Zweitens gehört dazu die kritische Auseinandersetzung mit bürgerlichen und revisionistischen Positionen innerhalb der Friedensbewegung, die zwar gegen den Krieg eintreten, dabei aber seinen Klassencharakter verschleiern. Die Vorstellung einer „Regierung des Friedens“ hilft uns nicht dabei, die Einsicht in die Notwendigkeit der Überwindung kapitalistischer Verhältnisse in der Friedensbewegung zu verbreiten, sondern trägt sogar noch zu den Illusionen in das bestehende System bei.

Drittens muss der Sozialismus als der einzige systemische Ausweg propagiert werden – nicht als ferne Utopie, sondern als dringende und greifbare Notwendigkeit.

Ausblick: Die Weichen stellen für eine revolutionäre Situation

Die allgemeine Krise des Kapitalismus ist nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine ideologische Krise. Die Herrschenden können immer weniger erklären, legitimieren und zusammenhalten. Wir nähern uns dem Punkt, an dem eine nationale Krise entsteht – in dem Sinne, dass die herrschende Klasse nicht mehr in der Lage ist, auf die gewohnte Weise zu regieren. Wenn Kommunistinnen und Kommunisten in dieser Situation ernsthaft und konsequent an der Einheitsfront der Arbeiterklasse arbeiten, kann der Kampf für den Frieden eine Dynamik entwickeln, die über das unmittelbare Ziel hinausweist. Wir können die historische Entwicklung nicht erzwingen. Aber wir können – und müssen – die Weichen stellen.